Willi Herold hatte gerade erst sein 18. Lebensjahr vollendet, als er 1943 zum Wehrdienst eingezogen wurde. Kaum zwei Jahre später sollte sein Leben ein Ende finden. Nicht etwa, weil er als Soldat im Krieg gefallen war, sondern aufgrund dessen, dass er als Massenmörder, der später den Beinamen „Henker vom Emsland“ erhalten sollte, hingerichtet wurde. Doch was bewegte einen jungen Mann dazu, solche Gräueltaten zu begehen?
Alles begann, als der damals 19-jährige Herold während eines Einsatzes im Nordwesten Deutschlands von seiner Einheit getrennt wurde. Ob sich der junge Soldat dabei bewusst von seiner Truppe entfernt hatte oder unfreiwillig versprengt wurde, ist nicht ganz geklärt. Sicher kann aber gesagt werden, dass Herold sich allein auf einen Fußweg in Richtung der emsländischen Moorgebiete begab, wo er beiläufig ein verwahrlostes Militärfahrzeug entdeckte. In diesem befand sich eine Kiste mit einer Offiziersuniform, die sich der junge Mann kurzerhand anlegte und weitermarschierte.
Schon bald sollte Herold auf dem Weg gen Norden auf andere, vermeintlich versprengte Soldaten stoßen, denen er sich als Offizier vorstellte. Zunächst aus Furcht, der junge Hauptmann könnte sie aufgrund von Kriegsdienstverweigerung festnehmen, baten die Männer darum, sich ihm anzuschließen. So trafen Herold und seine Truppe am 11. April 1945 schließlich im Emslandlager Aschendorfermoor ein. Zu diesem Zeitpunkt waren dort rund 3.000 Strafgefangene inhaftiert, von denen die meisten ebenfalls (verurteilte) Kriegsdienstverweigerer waren.
Inzwischen hatte Herold seine Rolle derart verinnerlicht, dass sein autoritäres, herrschaftliches Auftreten gar niemanden an seiner Identität zweifeln ließ. Auf diese Weise und mit der fadenscheinigen Begründung, im Auftrag des Führers höchstpersönlich gekommen zu sein, übernahm Herold die Kontrolle über das Lager. So lebten die Inhaftierten in den nächsten acht Tagen in ständiger Angst vor dem selbsternannten „Schnellgericht Herold“. Denn eine falsche Bewegung reichte, um der Willkürjustiz des angeblichen Offiziers in den Schoß zu fallen. Er und seine Leute erschossen einen Gefangenen nach dem anderen, insgesamt 172 Männer, und ließen sie vorher sogar ihr eigenes Grab schaufeln. Sein Blutrausch sollte erst durch einen Angriff der britischen Luftstreitkräfte, der das Lager vollständig zerstörte, (vorerst) gestoppt werden.
Auf der Flucht vor den alliierten Truppen zogen Herold und seine Einheit weiter nördlich nach Ostfriesland. Hier führten sie ihre Mordreihe fort. Zu den Opfern gehörten u. a. Niederländer, die der Spionage beschuldigt wurden, ein Bauer, welchen sie hängten, weil er eine weiße Fahnen hisste (Zeichen der Kapitulation) sowie einen weiterer Mann, der wegen eines nicht bekannten „Verbrechens“ bei lebendigem Leibe begraben wurde.
Etwa einen Monat später, kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, wurde Herold beim Diebstahl eines Leibes Brot von den Briten festgenommen und verhört. Sie identifizierten den jungen Mann als Schwindlern sowie Kriegsverbrecher und stellten ihn und dreizehn seiner Komplizen nach einem Geständnis vor Gericht. Herold und fünf weitere Männer wurden anschließend zum Tod durch Enthauptung verurteilt und am 14. November 1946 hingerichtet.
Der Fall Willi Herold zeigt natürlich nur eines von etlichen grausamen Verbrechen, die während des zweiten Weltkrieges begangen wurden. Vor diesem Hintergrund versuchten auch die Wissenschaftler der nachfolgenden Jahrzehnte, Erklärungen dafür zu finden, was Menschen zu solchen Taten befähigt. So kam u.a. das berühmtberüchtigte Standford-Prison-Experiment zustande, bei dem Freiwillige im Rahmen einer authentischen Gefängnis-Simulation in die Rollen von Wärtern und Insassen schlüpften.Das Experiment sollte demonstrieren, dass jeder Mensch unter gewissen Umständen zu Grausamkeit fähig ist und man nicht allein durch Persönlichkeitseigenschaften zu Gewalt prädestiniert ist. Tatsächlich musste der Versuch nach nur sechs Tagen vorzeitig abgebrochen werden, da die uniformierten Wärter ein sadistisches Verhalten gegenüber den Insassen entwickelten.
Was meint ihr? War Willi Herold „bloß“ der Machtposition verfallen, die er durch das Anlegen der Uniform erlangte? Oder wäre er auch zu solchen Gräueltaten in der Lage gewesen, wenn er die Uniform nie gefunden hätte?
