Tourette ist eine angeborene Erkrankung des Nervensystems, häufig verursacht durch Veränderung des Erbguts. Hauptmerkmale sind motorische und/oder vokale Tics, welche in einfach und komplex unterteilt werden. Man spricht von Tourette-Syndrom, wenn verschiedene Arten von Tics kombiniert werden oder eine Tic-Störung über ein Jahr lang vor dem 18. Geburtstag chronisch auftritt.
Motorische Tics sind plötzlich, und manchmal sehr heftig, auftretende Bewegungen. Sie laufen häufig wiederholt und in immer gleicher Weise ab und können einzeln, aber auch in Serie auftreten. Oftmals gibt es diese im Gesicht und am Kopf, z.b.
in Form von Augenblinzeln oder Grimassen. Bei komplexen Tics werden mehrere Muskelgruppen beansprucht und der Betroffene hüpft, dreht sich oder stampft auf den Boden. Besondere Formen der komplexen motorischen Tics sind Kopropraxie und Echopraxie.
Kopropraxie
gr. „kopros“ = Kot, gr. „praxis“ = Handlung Bei der Kopropraxie sind die abrupt einsetzenden Bewegungen sehr obszön. Die Betroffenen zeigen dabei z.B. ihre Zunge oder zeigen den Mittelfinger, aber sie können auch ihr eigenes Genital berühren oder Masturbationsbewebungen durchführen.
Echopraxie
gr. „echo“ = Nachhall Bei der Echopraxie werden die Bewegungen anderer nachgeahmt. Auch das passiert unwillkürlich und zwanghaft.
Vokale Tics stellen sich durch das unwillkürliche Äußern von Geräuschen und Lauten dar, wie z.B.
dem Grunzen, Schnalzen, Räuspern und in seltenen Fällen auch dem Schreien. Auch gibt es bei den Vokalen Tics besondere Formen: Koprolalie und Echolalie.
Koprolalie
gr. „lalie“ = SpracheKoprolalie ist das, was die meisten unter Tourette verstehen: das zwanghafte Verwenden von anstößigen, beleidigenden, teilweise sexuellen Wörtern und Fäkalausdrücken. Dieses Phänomen taucht bei ca. 20% der Tourette-Patienten auf. Die Wörter werden dabei unkontrolliert und ohne Zusammenhang, meist mit verändertem Tonfall und -höhe, in das Gespräch geworfen und es wirkt, als würde eine andere Person kurz die Überhand gewinnen. Dies wird häufig in der Anwesenheit bestimmter Personen- z.B. häufig in die der Mutter- ausgelöst. Die Betroffenen fühlen dabei einen Zwang, die Wörter aus sich raus zu lassen.
Koprolalie kann auch nur im Gehirn stattfinden. Typisch dafür sind obszöne Gedanken und Fantasien, die dem Betroffenen – unausgesprochen- durch den Kopf schießen.
Echolalie
Wie der Name es schon vermuten lässt, sprechen die Betroffenen Wörter und Sätze des Gegenübers unwillkürlich nach.
Die Ursachen für Tourette sind nur ansatzweise erforscht, aber es wird davon ausgegangen, dass es größtenteils genetisch veranlagt ist. Nicht jeder mit Tourette gibt die Erkrankung an seine Kinder weiter- sie kann mehrere Generationen überspringen- aber negative Faktoren wie Rauchen und psychosozialer Stress während der Schwangerschaft oder Sauerstoffmangel während der Geburt erhöhen das Risiko. Auch eine bakterielle Streptokokken-Infektion kann ein möglicher Verursacher des Tourette-Syndroms sein.
Leider gibt es noch keine Heilung für Tourette, aber eine Anzahl an Behandlungen, um die Lebensqualität von Betroffenen zu verbessern. Die Behandlung hängt von der Stärke der Symptome, aber auch der psychosozialen Stärke der Patienten ab. Manche Betroffene belasten schon leichte Tics sehr und werden durch diese eingeschränkt, anderen stören relativ ausgeprägte Tics wiederum nicht so sehr.
Psychoedukative Beratung
Bei einer Psychoedukativen Beratung werden Patienten (& Eltern) über die Krankheit ausführlich informiert. Dadurch sinkt das Gefühl der Belastung und der Stress, wodurch die Betroffenen häufig entlastet werden.
Therapie
Im Habit-Reversal-Training lernen Tourette-Betroffene, sich selbst und ihr Verhalten besser wahrzunehmen und unterbewusst-automatisierte Verhaltensweisen durch alternative Handlungen zu unterbrechen. Das Erlernen von Entspannungs-Techniken hilft dabei, Stress zu reduzieren, welches die Symptome sonst nur verstärken würde. Eine Musik-Therapie hat auch schon einigen Betroffenen geholfen. Nervöse Impulse werden durch das Spielen eines Instruments abgeleitet. Besonders geeignet sind schnelle Instrumente sowie Instrumente, bei denen man Hände und Füße benutzen muss, wie z.b. Schlagzeug oder Orgel.
Medikamente
Wenn die Erkrankung sehr stark ausgeprägt ist, können Medikamente helfen. Die meisten Medikamente zielen auf den Dopaminstoffwechsel im Gehirn ab. Dabei werden Dopaminrezeptoren für den Hirnbotenstoff blockiert. Leider haben die Medikamente häufig viele Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Gewichtszunahme, Sexualfunktionsstörungen oder Depressionen.
Botox und Cannabis
Injektionen von Botox in das Gesicht und in den Nacken haben schon bei dem ein oder anderem Tic geholfen, manchen Berichten zufolge sogar bei vokalen Tics. Manche Patienten haben berichtet, dass der Konsum von Cannabis ihre Symptome gelindert hat. Da die Wirkung noch nicht nachgewiesen ist, muss hierfür ein Antrag gestellt werden.
