Willkommen bei Virtual Popstar!| Intrusive Thoughts |
“Luke”, schrie Anna und lachte laut. Die letzten Wochen waren heilend. Friedlich. Harmonisch. Aber auch lustig und chaotisch. Anna durfte schnell feststellen: Luke war gar nicht so perfekt. Nicht immer. Er machte Fehler. Aber nur wenn er lockerer wird. Dann gewinnen seine “Intrusive Thoughts”. So wie gerade eben. Als er dachte, es wäre eine ausgezeichnete Idee, das Marmeladenglas über einen 3 Meter breiten Tisch sliden zu lassen. Es fiel natürlich herunter. Jetzt lag die Erdbeerpampe begraben in tausend Scherben. Und gegenüber von Anna: Luke, der seinen Kopf auf den Tisch gelegt hat und ein “Wasted”-Gesicht zeigt. Sicherlich würde er sich gerne ohrfeigen. Tut er nicht. Er ist nicht besonders angetan vom selbstverletzenden Verhalten. Er bestraft sich lieber, indem er mit Frauen rumhurt. Er hat noch nicht realisiert, dass dies auch eine Form der Selbstverletzung ist. “Wow”, stieß Anna hervor, während sie verzweifelt nach Luft rang. “Herr Künstler, das war sowas von eine Sechs. Ambitioniert, aber die Ausführung war eine Katastrophe.” Mit diesen Worten nahm sie eine Serviette und kniete sich vor der Erdbeergrütze. Luke hob seinen Kopf und sah sie schuldbewusst an: “Ich wollte deinen Tag versüßen.” “Beim nächsten Mal klappt's sicher”, sagte Anna trocken und fing an, die Sauerei zu entfernen. “Halt mich das nächste Mal auf!” Er kam hinzu. Gemeinsam knieten sie auf dem Boden, sammelten die Scherben und lachten leise. Es war einer dieser Momente, die keine Worte brauchten, um zu wirken. “Weißt du?", flüsterte Anna, während sie die letzten Scherben aufsammelt: “Meine Eltern hätten mir einen einstündigen Vortrag gehalten." Luke hielt kurz inne: “Naja, wir können einfach ein neues Glas kaufen.” Er deutet mit einer feinen Geste auf ihre Hose: “Und eine neue Hose.” Erst jetzt sieht sie, dass ihre Hose Flecken abbekommen hat. “Sieht doch hübsch aus”, sagte sie und kicherte leise in sich hinein. “Falls jemand fragt, kann ich sagen: Das passiert, wenn man mich nervt.” Luke lachte. Sie durfte bereits einige Male in den Genuss kommen, sein Lachen zu hören. Zu sehen. Sich davon anstecken zu lassen. Er hatte ein wirklich lautes, herzliches Lachen. Es passte gar nicht zu seiner kalten, ruhigen Attitude, die er bei anderen zeigte. Er war schlagfertig. Manchmal. Irgendwann zwischen Klebereste entfernen und Hose säubern, fragte sie: “Hast du eigentlich eine Schwester?” Er schaute sie nur an. Mit seinen eisblauen Augen. Eine unerträglich lange Stille, wo sie schon Angst hatte, er sagte, sie wäre tot. Doch irgendwann sagt er: "Ja, eine Schwester.” “Ah und hast du es ihr erzählt?”, fragt Anna gelassen. “Was denn erzählt?” "Na, dass du in deinem Haus ein Schaf hütest”, erwiderte sie trocken und schmunzelte, während sie den Lappen in die Wäsche klatschte. “Na klar, sie hat schon angefragt, es zu füttern.” Natürlich. Nachdem die Küche wieder halbwegs sauber war, ließ sich Anna rücklings auf den kühlen Boden fallen: “Jedes Mal, wenn ich denke, du bist ein erwachsener Mann, beweist du mir das Gegenteil.” Luke ließ sich neben sie auf den Boden sinken: “Ich bin der lebende Beweis, dass Männer nicht erwachsen werden. Sie werden nur größer.” Er dreht seinen Kopf leicht: “Warum liegen wir jetzt auf dem Boden?” Anna musste grinsen. Wieder. “Warum du da liegst weiß ich nicht, aber ich wollte die kühle Fliesen genießen.” “Okay.” Er schloss seine Augen. Und da war sie wieder. Diese angenehme Stille. Diese Ruhe, die von diesem Mann ausgeht. Sie war so nah. Greifbar. “Luke?” “Mhm?” “Es fühlt sich komisch an”, sagte sie leise. “Was genau?” “Du. Ich. Das hier.” Er öffnete seine Augen und sah zu ihr: “Schlimm?” “Angenehm. Ruhig.” “Dann ist doch gut.” Anna nickte langsam: “Ich wusste nicht, wie sich Sicherheit anfühlt." Sie drehte ihren Kopf. Ihre Nasenspitze war nur noch wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Luke sah sie an. Lange. Zu lang. Ich mag ihn. Sie will sich nicht verlieben. Nicht jetzt. Sie hätte sich nur einen Hauch bewegen müssen. Den ersten Schritt machen. Nein, er ist ein Freund. “Ich hab Angst”, sagte sie leise - ihre Stimme war voll mit Ehrlichkeit. Luke atmete tief durch. Dann zog er seine Mundwinkel hoch und formte ein ungleiches Grinsen in seinem Gesicht. “Du bist schlimm”, murmelt er vor sich hin. “Jetzt liege ich hier und denk nach.” Er sagte es mehr zu sich selbst als zu ihr. Anna hörte es trotzdem. Er zuckte leicht mit den Schultern, als würde er sagen wollen: Nichts dabei. |