Indiens Kastensystem (durch
Anonym)
Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Geschichtsunterricht (sofern ihr nicht das Pech hattet, einen Lehrer zu haben, dessen Stimme allein schon die halbe Klasse in komatösen Halbschlaf versetzt hat). Dort wird euch bestimmt das ein oder andere Mal der Begriff "Ständegesellschaft" untergekommen sein, wenn es um den Aufbau der Gesellschaft im deutschen Raum während des Mittelalters ging. Damals war es üblich, dass jede Person einem bestimmten Stand angehörte (Klerus, Adel, Bürgertum etc.).
Heutzutage ist dieses System in Deutschland glücklicherweise abgeschafft. In Indien jedoch gab und gibt es immer noch ein derartiges System, auch Kastensystem oder Kastenwesen genannt.
Im allgemeinen spricht man von vier Hauptkasten, den Varnas. Ganz "oben" stehen die Brahamen, die Priester und Gelehrte sind. Ihre Aufgabe ist die materielle und spirituelle Führung der hinduistischen Bevölkerung. Darunter stehen die Kshatriyas, denen als Kriegern die Pflicht zukommt, das Land und die Bevölkerung zu verteidigen. Die Vaishyas sind Geschäftsleute oder Bauern und ganz unten stehen die Shudras, also Handwerker, Tagelöhner oder Bedienstete. Diese Kasten teilen sich nochmal in hunderte Unterkasten auf, den sogenannten Jatis.
Außerhalb dieser vier Hauptkasten stehen die "Unberührbaren", auch Paria und Harijans genannt, wobei viele der Unberührbaren sich lieber als Dalits bezeichnen, was auf die indischen Ureinwohner verweist.
Der Ursprung dieses Systems liegt weit in der Vergangenheit und dazu gibt es zwei Theorien (zumindest habe ich zwei gefunden). Laut der ersten Theorie entstanden die Kasten durch die Arbeitsteilung als Teil der Gesellschaftsentwicklung im zweiten Jahrtausend v. Chr., die eine Vielzahl von "Arbeitsgruppen" hervorbrachte, die unterschiedliche Aufgaben zum Erhalt der Gesellschaft erfüllten. Die Hauptaufgaben sollen sich heute noch in den vier Hauptkasten und den zahlreichen Unterkasten widerspiegeln.
Der zweiten Theorie zufolge ergaben sich die Kasten ursprünglich dadurch, dass zwischen dunklerer und hellerer Hautfarbe unterschieden wurde und sich daraus anhand von großen Familiendynastien weitere Untergruppen bildeten. Der Umgang und nähere Kontakt (sprich Beziehungen/Heirat) zwischen Personen, die verschiedenen Kasten angehörten, war verboten.
Theoretisch sind zwar seit 1948 vor dem indischen Gesetz alle Menschen gleich und niemand darf aufgrund seiner Kaste diskriminiert werden, die Realität sieht jedoch leider anders aus. Während im städtischen Bereich und vor allem in den Großstädten die Grenzen und Regelungen, was den Umgang mit Personen aus unterschiedlichen Kasten angeht, weitestgehend aufgehoben sind und die Zugehörigkeit zu einer Kaste nicht mehr zwingend über den Lebensweg einer Person bestimmt, wird in den ländlichen Gebieten zum Teil noch an diesen Strukturen festgehalten und streng danach gelebt.
Vor allem was Beziehungen und Ehen angeht, ist die Handhabung inzwischen viel weniger strikt als beispielsweise vor hundert oder gar tausend Jahren. Zwar sind arrangierte Ehen, die sich oft nach den alten Traditionen richten und zwischen Personen innerhalb einer Kaste bzw. eines Jati geschlossen werden, immer noch weit verbreitet, der Trend geht jedoch hin zur Liebesheirat. Hierbei findet sich jedoch leider auch ein starkes Romeo-und-Julia-Motiv wieder, wenn Personen aus zwei Kasten heiraten wollen, die nach dem traditionellen Wertesystem stark unterschiedlich sind. Diese Beziehungen enden dann teilweise sehr tragisch und es gibt immer wieder Berichte, denen zufolge einer der beiden Partner oder sogar beide ermordet werden, weil deren Familien ihre Beziehung nicht akzeptieren.

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