Willkommen bei Virtual Popstar!| LEBEN Durch den Nebel |
| Dies ist ein persönlicher Beitrag über die gesundheitlichen Probleme, mit denen ich die letzten Monate zu tun hatte. Ich bin in Behandlung (sofern man seit zwei Monaten auf den Termin warten als "in Behandlung" sehen kann) und suche keine medizinische Hilfe im Internet. Dieser Blog ist eine Schreibübung für mich, in Worte zu fassen, was mir auf dem Herzen liegt und im Kopf brummt. Und dient als Vorbereitung für meinen Arzttermin, damit ich dort nicht vor Frust und Angst heule. Denn mit Tränen in den Augen wird man von Ärzten leider oft nicht ernst genommen. __________________________________________________________________________________ Ende Oktober letzten Jahres hatte ich das erste Mal mit einer, obwohl typischen Berufskrankheit, für mich schweren Einschränkung zu tun. Ich, Sekretärin von Beruf, habe über einige Wochen hinweg eine fette, doppelte, Sehnenscheidenentzündung entwickelt. So schlimm, dass nicht nur Hand bewegen schmerzte, sondern bereits Hand haben die Hölle war. Ich war früher immer fest davon überzeugt, das sei das Schlimmste, was mir passieren könnte: Körperlich nicht mehr mit meinem Geist und seinen Anforderungen mithalten können. Gefangen in einem Körper zu sein, der nicht mehr macht, was er soll. Ich war glücklicher denn je, als ich nach drei Wochen endlich zurück zur Abreit konnte. Doch kurz darauf fing es an, dass ich dauerhaft müde war. An jedem Tag, an dem ich nicht zu müde oder gar erschöpft war in mein Gesundheitsbuch zu schreiben, steht nur, wie abgrundtief müde ich war. Und das konstant, trotz 7,5 bis 8 Stunden Schlaf. Und nach nur einer Woche kamen allgemeine Symptome des Unwohlseins hinzu. Am 4. Dezember hatte ich eine enorme körperliche Anstrengung und ich dachte, ich müsste sterben. Ich bekam keine Luft, meine Brust wurde eng und in meinem Kopf begann es zu rauschen. Es war schlimmer als jede mir vorher bekannte Sekunde kurz vor einem Ohnmachtsanfall. Es war schlimmer, als eine Panikattacke. Es war dieses Gefühl, dass mein Herz jeden Moment aufhören würde zu schlagen, so sehr schmerzte und riss es in meiner Brust. Offensichtlich habe ich es überlebt. Nach nur zehn Minuten Ruhe ging es mir wieder wie zuvor und alles war wie gehabt. Ich weiß, dass es wahnsinnig dramatisch und total überspitzt klingt, aber ich meine es ernst, wenn ich sage, dass ich dachte ich müsste sterben. Mir ging es schon öfter mies, aber noch nie in meinem Leben habe ich mich so am Ende gefühlt. Ich gestehe, diese 15 Minuten hatte ich richtig Angst. Doch es ging mir wieder gut und offensichtlich muss ich nur mehr Sport machen, weil was zur Hölle. Gesunde Menschen sterben nicht, nur weil sie einen steilen Hang hochgehen. Wenige Stunden später fühlte ich mich krank. Todkrank. Brustschmerzen, Gangunsicherheit mit zitternden Beinen, Atemnot. Und das nachdem ich nur im Büro saß. Darüber hinaus, total erschöpft. Und es war nicht verspätete Panik. Ich bin zum Arzt und bekam sofort eine Überweisung zum Kardiologen; ein netter Mann der Männer, der mir gleich erklärte, dass mit meinem Herz alles gut ist und mein generelles Leid sich durch mein Frausein erklärt. Danke, es war schon eine Weile her, dass die Diagnose "im Besitz einer funtionsfähigen Gebärmutter" lautete. Ein Hoch auf Männer in der Medizin und ihre extensiven Kenntnisse über die weibliche Anatomie. Er fand tatsächlich nichts, was ein Anzeichen auf ein Problem mit dem Herz gab. Und dennoch war ich mit jedem Tag erschöpfter. Ich wachte morgens auf und fühlte mich, als hätte ich nur fünf Minuten lang die Augen zu gehabt, anstatt der mittlerweile 9 bis 10 Stunden Schlaf. Meine Arbeitskollegen fingen an sich Sorgen zu machen. Ich war blass-blass, nahezu durchsichtig mit aggressiv lilafarbenen Ringen unter den Augen und weißen bis blauen Lippen. Nachmittags fing ich für gewöhnlich an grau im Gesicht zu werden. Diese Farblosigkeit zog sich immer öfter auch bis in die Gliedmaßen. Kalte, gräuliche Hände und Füße mit blassblauen Nägeln. Atemnot nach Anstrengung, was durch meine enorme Müdigkeit schon im Öffnen des Büroschranks und Suchen des Lochers war. Der Gang zum Kopierer wurde zur Qual. Ich habe meinen Körper kaum noch bewegen können, lief durch das Gebäude wie die halbtoten Menschen nach einem Ultra-Marathon. Schlimmer: Ich merkte, dass diese Trägheit nicht nur körperlich war. Ich ging mehrfach zum Hausarzt. In einer ersten Instanz bekam ich eine Überweisung zum Psychologen. Klar gibt es gelegentlich Stress auf der Arbeit und es war die letzten Monate viel. Aber mein Problem war nicht die Erschöpfung, sondern dieses Gefühl in den Seilen zu hängen und nicht zu können, was ich wollte und von dem ich weiß, dass ich es kann. Es ging mir mieser, als die zwei Wochen, an denen mein Blutdruck nicht über 110/60 kam. Bei meinem dritten Besuch bin ich morgens um 8 im Wartesaal auf dem Stuhl eingeschlafen, weil der Weg in die Praxis zu viel war. Ich konnte kaum reden vor Müdigkeit und brauchte Hilfe meinen Arm zu heben, um meinen Blutdruck gemessen zu bekommen. Bei meiner Hausärztin schrillten die Alarmglocken. Sie glaubt definitiv nicht mehr, dass es psychologisch ist. Ich war für ein paar Tage krankgeschrieben und nahm die restliche Zeit Urlaub. Vom 16. Dezember bis zum 11. Januar habe ich nichts weiter gemacht, als den Großteil der Zeit geschlafen. Ich war anfangs nur sechs Stunden am Tag wach. Da ich die Treppen keine ganze Etage am Stück geschafft habe, bin ich sehr bewusst immer nur für Sammelaufträge runter. Essen, Wasser und Tee auffüllen. All meine Tees trank ich kalt, denn sobald ich wieder in meinem Bett lag, bin ich für Stunden eingeschlafen. Ich konnte nicht lesen; nach wenigen Minuten war ich so erschöpft, wie nach dem Treppensteigen. Gespräche mit meinen Eltern waren anstrengend. Teilweise redete ich im Kreis, fing Sätze an ohne sie je zu beenden oder saß da in die Leere zu schauen, weil ich die Wörter nicht finden konnte. Das war der Punkt, an dem die Sorge anfing mich jede wache Minute zu beschäftigen. Ich habe einen Termin beim Rheumatologen, aber erst für Ende Januar. Was tue ich, wenn es nicht besser wird? Ich hatte Muskelschmerzen, die zu Gelenkschmerzen wurden. Kopfschmerzen, die anfingen, als ich wieder etwas mehr Energie hatte. Irgendwann konnte ich wieder neun Stunden am Tag wach sein. Nicht durchgehend. Und definitiv nicht, wenn ich mehr tat, als mich passiv berieseln zu lassen. Lesen oder anspruchsvolle Filme schauen, Dinge, die meine Aufmerksamkeit benötigen, zehrten weiterhin an meiner mentalen Energie. Die letzten zwei Wochen bin ich wieder arbeiten gewesen. Halbtags und mit regelmäßigen Home-Office Tagen dazwischen. Damit ich in der Mittagsstunde zwei Stunden schlafen kann, um eine Stunde länger arbeiten zu können, als ohne Schlaf. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass mein Arbeitgeber mit diese Möglichkeit gibt und die größte Sorge tatsächlich meine schlechte Gesundheit ist, und nicht wie viel Arbeit ich bewältigen kann. Meine Arbeitskollegen unterstützen mich, wo es geht. Fahren mit mir zum Supermarkt, statt dass wir gehen, damit ich nicht vor Erschöpfung zusammen sacke und nicht mehr hochkomme. Damit ich mittags etwas Essen kann. Wenngleich ich wenig bis kaum Appetit habe. Denn Essen macht müde. Mittlerweile geht es langsam aber sicher besser. Ich habe täglich Schmerzen und mein Körper fühlt sich nach wie vor nicht wie mein Körper an. Ich schleiche umher, außer Atem, als hätte ich gerade einen Langlauf absolviert. Aber das macht mir kaum was aus im Vergleich zu der Unruhe, Sorge und Angst um meinen Kopf. Ich fühle mich nach wie vor wie im Nebel. Ich grüße meine Arbeitskollegen im Schnitt zwei- bis viermal am Tag, da ich mir nicht merken kann, ob ich sie schon gesprochen habe oder nicht. Ich vergesse, wenn ich ein Dokument ausdrucke und es nicht sofort abholen gehe. Ich muss mir alles aufschreiben. Stichworte reichen nicht, denn Stichworte verstehe ich nicht mehr nach 20 Minuten. Und manchmal verstehe ich nicht mal, was ich mit dem ausgeschriebenen Satz gemeint habe. Ich bevorzuge schriftliche Kommunikation, weil es dort nicht schlimm ist, wenn ich dreimal so lange brauche, bis ich das Wort und den Satz habe. Ich benutze die falschen Wörter oder vergesse was ich sagen wollte mitten im Satz. Ich habe bewusst nur in den ersten drei Stunden des Abreitstages E-Mail Kontakt mit auswärtigen und gehe kaum ans Telefon. Der Rest ist in-Haus-Kommunikation mit Menschen, die wissen, dass sie vorbei kommen können, wenn ich keinen Sinn ergebe. Und die wissen, dass irgendwas nicht stimmt. Menschen, die mir jeden Tag sagen, dass ich zurück nach Hause gehen soll, mich ausruhen. Aber ich will nicht. Denn zu Hause bin ich alleine mit meinem Gehirn, das nur noch zu einem Bruchteil seiner vorherigen Arbeit fähig ist. Früher dachte ich immer, das Schlimmste sei, wenn im Alter der Körper nicht mehr kann, was der Geist noch möchte. Denn wenn der Geist nicht mehr kann, dann kann er es nicht mehr bedauern. Jetzt weiß ich, dass ich die grausame Zeit zwischen dem Können und Nichtkönnen vergessen habe. Die Zeit, in der man noch weiß, was man konnte, es aber nicht mehr kann. Und auch wenn mein jetztiges Problem vermutlich etwas Vorrübergehendes ist und ich irgendwann, hoffentlich, wieder zu meinem alten Ich zurück kann, so kenne ich jetzt das Gefühl sich selbst zu verlieren. Ich weiß, was es bedeutet, derart dichten Nebel im Kopf zu haben, durch den man seine eigene Hand vor Augen nicht mehr sieht. Und Leute, es ist absolut scheiße. |